Blog

Ist gendergerechte Sprache barrierefrei?

Eine interessante Frage, zu der wir ein wenig recherchiert haben. Ein wenig deswegen, weil es generell mehr sowohl über gendergerechte Sprache, als auch zu Barrierefreiheit zu sagen gäbe. Trotzdem möchten wir für das Thema sensibilisieren - auch uns selbst.

Ist gendergerechte Sprache barrierefrei?

Eine interessante Frage, zu der wir ein wenig recherchiert haben. Ein wenig deswegen, weil es generell mehr sowohl über gendergerechte Sprache, als auch zu Barrierefreiheit zu sagen gäbe. Trotzdem möchten wir für das Thema sensibilisieren - auch uns selbst.

Barrierefreiheit und gendergerechte Sprache
Wir sind der Überzeugung, dass sich diese beiden Dinge nicht ausschließen müssen und stellen die Relevanz beider Anliegen nicht im Geringsten in Frage. Wir sind keine Aktivist:innen, sondern betrachten in diesem Artikel lediglich den Kontext.

gendergerechte sprache am beispiel die ärztinnen

Gendergerecht ≠ Barrierefrei

Auch wenn gendergerechte Sprache zur Inklusion beiträgt, ist sie noch lange nicht barrierefrei. Viele Varianten werden als störend im Lesefluss empfunden und das ist durchaus nachvollziehbar.

Sehende Personen können diese Störungen schneller überwinden und womöglich dauerhaft in ihren Lesefluss integrieren. Blinde Menschen hingegen sind auf Screenreader angewiesen, die jedes einzelne Zeichen vorlesen.

Grundsätzlich lassen sich Sprachausgaben so einstellen, dass sie Satzzeichen entweder vorlesen oder ignorieren. Zusätzlich verfolgen Screenreader aber auch immer eine eigene Politik, wann welche Zeichen vorgelesen werden. Eine komplexe Textstruktur, wie eben bei gendergerechter Sprache (z.B. der/die Ärzt*innen), könnte sich unter Umständen so anhören: derSchrägstrichdie ÄrztSterninnen

Hörbeispiel - So klingt gendergerechte Sprache für Blinde mit einem Screenreader

Zur Anwendung kommt der Screenreader NVDA, die Sprachausgabe eSpeak und die Standard-Konfiguration für die Sprachausgabe. Quelle: www.netz-barrierefrei.de

gendergerechte sprache vergrößertes beispiel mit unterstrich

Das ist erst der Anfang. Für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen, die Schriftgrößen stark anpassen, sind plötzliche Textlücken (z.B. Polizist_innen) eine Herausforderung, zumal der Unterstrich auch schnell übersehen wird. Für Menschen mit Autismus könnten Abweichungen im Schriftbild prinzipiell ein Problem darstellen. Und sollte man in leichter und einfacher Sprache grundsätzlich auf sämtliche Gender-Varianten verzichten?

Es ist nur schwer vorstellbar, wie sich das Lesen und Bedienen einer Webseite mit einer körperlichen Einschränkung anfühlt. Fakt ist: Wie auch immer wir in Webtexten gendern, jemand wird ein Problem haben. Und da haben wir die Wir-haben-andere-Sorgen-Mentalität noch nicht einberechnet. Abgesehen davon ist eine gendergerechte Sprache bzw. Schreibweise auch nur ein Teil integrativen Webdesigns.

gendergerechte sprache - variationen

Gendergerechte Sprache - Variationen

Das Gender-Und
Leserinnen und Leser, Ärztinnen und Ärzte

Mit dieser Form wäre die Problematik des Leseflusses in jeder Hinsicht abgehakt, zumal die Variante unserem Sprachgefühl entspricht und Wort für Wort von einem Screenreader gelesen werden kann. Was auf den ersten Blick als einfache und geniale Lösung erscheint, hat einen gravierenden Nachteil. Häufen sich diese Paarbildungen im Text wird die Zeichenmenge massiv erhöht, ohne dass der Inhalt an Mehrwert gewinnt. Im Sinne der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist es zwar eine Aufwertung, alle anderen Geschlechter schließt man hiermit allerdings aus.


Das Binnen-I
LeserInnen, ÄrztInnen, PolizistInnen

Die Sprachausgabe kann mit dieser Variante ganz gut umgehen. Ein Screenreader hingegen legt ein Päuschen ein und „spuckt“ im Endeffekt zwei Worte aus (Leser innen, Ärzt innen, Polizist innen). Semioptimal.


Der Gender-Gap (Unterstrich)
Leser_innen, Ärzt_innen, Polizist_innen

Die Variante  eines Unterstrichs im Wortinneren als Mittel der gendersensiblen Schreibung liest der Screenreader als: LeserUnterstrichinnen, ÄrztUnterstrichinnen, . . .
Was also tun bei Dateinamen, Usernamen in sozialen Medien oder E-Mail Adressen, wenn man „nicht lesen“ aktiviert.


Der Gender-Doppelpunkt
Leser:innen, Ärzt:innen, Polizist:innen

Der Doppelpunkt scheint bisher die praktikabelste Variante. Er wird in der Standard-Konfiguration „einige Zeichen lesen“ der meisten Screenreader ignoriert. Da kaum Abstand zwischen den Zeichen entsteht, ist diese Schreibvariante auch für Sehbehinderte weniger störend als beispielsweise der Unterstrich.


Der Gender-Schrägstrich
Leser/innen, Ärzt/innen, Polizist/innen

Die Variante  eines Schrägstrichs im Wortinneren liest der Screenreader als: LeserSchrägstrichinnen, ÄrztSchrägstrichinnen, . . . Auch hier ist das „nicht lesen“ keine Option, da sonst z.B. Pfade von Webseiten https://www.webgras.at/referenzen nicht mehr richtig erfasst und vorgelesen werden können.


Der Gender-Stern
Leser*innen, Ärzt*innen, Polizist*innen

Wie beim Unterstich und Schrägstrich wir der Stern als solches Zeichen vorgelesen. Ein Ignorieren in der Sprachausgabe würde z.B. keine Pflichtfelder in Formularen mehr zu erkennen geben.


Doppel- und Mehrfach-Gender

Die am wenigsten barrierefreie Variante ist das doppelte und das mehrfache Gendern innerhalb eines Satzes.
Einfach gegendert: die Polizist*in
Doppelt gegendert: der/die Polizist*in
Der Screenreader liest: derSchrägstrichdie Poliziststernin

gendergerechte sprache - der doppelpunkt innen, scherz

Wie sollte barrierefreie, gendergerechte Sprache aussehen?

Wer aufmerksam gelesen hat, versteht wie schwierig diese Fragen zu beantworten ist. 

Unser Rat: Wählen Sie eine Variante und bleiben Sie dabei!
Aktuell scheint uns der Doppelpunkt am ehesten für alle Gruppen zu funktionieren. Ein konstantes Schriftbild ist auch nie ein Nachteil.

Wie geht es weiter?

Die nächste spannende Frage, die sich uns aufdrängt:
Wird man auf Google noch gefunden, wenn man in Webtexten nicht-männliche Bezeichnungen verwendet?
Zwischen Klicks und Gerechtigkeit . . .